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Nichts mehr zu lachen – Corona zum Zweiten

Habe ich nur den Eindruck, oder steigt das Niveau der Berichterstattung derzeit an? Während die Medien in den letzten Jahren immer auf der Suche nach den meisten Klicks waren und sich daher wie die Getriebenen bemüht haben, ihre Meldungen immer schneller und dafür immer oberflächlicher zu verbreiten, findet man zum Thema Corona nun auch viele längere und gut recherchierte Artikel, in denen Zusammenhänge dargestellt werden. Nachvollziehbar: Wenn man als Journalist weiß, dass ein Thema auch nächste Woche noch aktuell ist, kann man sich durchaus etwas mehr Zeit lassen. Zumindest ist das mein Eindruck – hier meine zweite persönliche Presseschau.

Nichts mehr zu lachen – die großen Verlierer

Der Clown hat nichts mehr zu lachen. Nachdem die Vorführung wegen der Covid-19-Pandemie abgesagt wurde, brechen dem Zirkus die Einnahmen weg. Wie soll es weitergehen, wenn man auch ohne Krise nur gerade so über die Runden kommt? Trotz des großen Rettungspaketes stehen viele vor einer ungewissen Zukunft. Die Maßnahmen sind zunächst recht abstrakt – hier ein paar konkrete Schicksale:

Kleinunternehmen in der Corona-Krise: „Die Banken schauen mir beim Sterben zu“ (Krautreporter, 26.03.2020)

Die wirtschaftliche Seite ist das Eine. Hinzu kommt, dass geschlossene Schulen und Kontaktsperre menschlich für viele eine Tragödie sind. Wir lesen in der Zeitung, dass häusliche Gewalt zunehmen wird – wieder so abstrakt. In diesem Artikel berichtet eine Erzieherin über ihre Erfahrung mit benachteiligten Kindern:

Häusliche Gewalt in Corona-Zeiten: „Ich kann die Kinder jetzt doch nicht hängen lassen!“ (Krautreporter, 27.03.2020)

Wegen der Coronakrise sind viele Personen irgendwo in der Welt gestrandet. Die Bundesrepublik Deutschland holt deutsche Urlauber aus vielen Urlaubsgebieten zurück. Aber was passiert, wenn man als sich als Chinesin mit Lebensmittelpunkt in Berlin gerade in Indien aufhält? „Vor der Pandemie dachte ich, ich könnte Deutschland auch als mein Heimatland bezeichnen. Doch die Krise zeigt mir, dass ich vielleicht immer die Adoptivtochter bleiben werde, die die Eltern nicht wie ihr eigenes Kind lieben können, egal wie sehr sie sich anstrengt.“

„Corona unterscheidet nicht zwischen Nationalitäten – und wir?“ (Perspective Daily, 27.03.2020)

Eine Gruppe, die besonders unter der gegenwärtigen Lage leidet, sind die Obdachlosen. „Die Rechnung ist einfach: Wer kein Haus hat, kann sich auch nirgendwo vor einem tödlichen Virus verstecken. Wo sollen diese Menschen in Zukunft Hilfe finden, wenn die Systeme ausfallen?“

Obdachlose und Corona: Nirgendwo in Sicherheit (Spiegel, 20.03.2020)

Und ganz schlimm ist es im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos. Hier leben 20.000 Geflüchtete auf engstem Raum in einem Lager, das nur eine Kapazität für einen Bruchteil dieser Menschen hat. Das ist schon an sich unmenschlich und unwürdig für den Friedensnobelpreisträger EU. Ich schäme mich dafür! Auf Lesbos ist der Virus bereits. Wenn Covid-19 erst im Lager ankommt, wie viele Tote wird es unter diesen Bedingungen geben? Hunderte? Oder mehr als tausend?

Corona auf Lesbos: "Ich kann gar nicht ermessen, was uns dann drohen würde" (Zeit online, 18.03.2020)

Diese Menschen müssen jetzt in Europa verteilt werden, damit sie unter menschenwürdigen Bedingungen leben und sich vor dem Virus schützen können. Hier kann man sich an einer Online-Petition beteiligen:

Humanitäre Krise in Griechenland: Deutschland & Europa müssen Flüchtlingen Schutz bieten (Petition auf change.org)

Welche Folgen die Überlastung der Gesundheitssysteme hat

Bergamo ist eine kleine Stadt in der italienischen Lombardei, etwas kleiner als meine Heimatstadt Mülheim an der Ruhr. Dort spielt sich gerade eine humanitäre Katastrophe ab. Ärzte berichten über Kranke, die auf Matratzen auf dem Boden liegen müssen. Es fehlt an allen Ecken und Enden.

At the Epicenter of the Covid-19 Pandemic and Humanitarian Crises in Italy: Changing Perspectives on Preparation and Mitigation (Nejm, 21.03.2020)

Die Vorstellung, mit ernsten Symptomen in ein überlastetes Krankenhaus eingeliefert zu werden, dort nur noch Platz auf dem Flur zu finden, wegen der Personalnot nicht einmal palliativ versorgt zu werden und dann langsam zu ersticken, ist schlimm. Angehörige können nicht zu den Patienten, nicht einmal zur Beerdigung. „Vielleicht haben Sie die Bilder von gestern noch nicht gesehen, wie im Zentrum von Bergamo eine lange Kolonne von 70 Militärfahrzeugen (!) am Bargo Palazzo hält, nur wenige Hundert Meter vom Friedhof entfernt. Entschuldigung, aber ich muss gerade wieder weinen, denn sie bringen Särge für die Krematorien, da die Leichenhalle von Bergamo seit Tagen nicht mehr in der Lage ist, die Opfer von Covid-19 aufzunehmen.“

Leserbrief aus Italien: „Bei Bildern aus Deutschland sind uns die Tränen gekommen“ (Berliner Morgenpost, 20.03.2020)

Viele denken, das wird in Deutschland nicht passieren. Ich hoffe es auch, aber es ist längst nicht ausgemacht. Für die Krankenhäuser kommt die Welle erst noch. Nachdem ein Infizierter Symptome zeigt, getestet wird und als Infizierter in der Statistik auftaucht, dauert es noch eine Zeitlang, bis ernste Symptome auftauchen, die einen Krankenhausaufenthalt erfordern. Und noch tauchen viele neue Infizierte in der Statistik auf. Bereits jetzt ist klar, dass wir ein ernsthaftes Problem mit der Schutzausrüstung in den Kliniken haben.

Unsere Kliniken brauchen dringend Schutzkleidung – sonst wird die Epidemie noch schlimmer (Krautreporter, 26.03.2020)

Was man wissen muss

Es gibt auch vermehrt Artikel, die die Grundlagen neu erklären. Wer sein Wissen darüber, was ein Virus überhaupt ist, auffrischen und erweitern möchte, oder wer noch etwas Hilfestellung bei Begriffen benötigt, die wie selbstverständlich überall verwendet werden, wird beispielsweise hier fündig:

Wie ein Virus funktioniert, einfach erklärt (Krautreporter, 18.03.2020)

Die wichtigsten Begriffe in der Corona-Krise, einfach erklärt (Krautreporter, 27.03.2020)

Warum die getroffenen Maßnahmen im Moment so wichtig sind, wird sehr anschaulich mit einem einzigen animierten Bildchen und in einem kleinen Video erklärt:

How you can keep thousands of people from getting coronavirus, in one GIF (Vox, 26.03.2020)

Bereits in meiner ersten Presseschau hatte ich den großartigen Artikel von Tomas Pueyo vorgestellt, der die Notwendigkeit drastischer Maßnahmen anhand der Zahlen aus verschiedenen Ländern belegt:

Coronavirus: Why You Must Act Now (Medium, 10.03.2020)

Coronavirus: Warum du jetzt handeln musst! (Perspective Daily, 13.03.2020)

Aber wie kommt man aus diesen Maßnahmen wieder heraus, ohne dass alles von vorne losgeht? Diese Frage wird bei uns bereits politisch diskutiert. Sicherlich kann man nicht von einem auf den anderen Tag alle Maßnahmen fallenlassen, aber die gute Botschaft von Tomas Pueyo ist: „We will be locked in for weeks, not months. Then, we will get more and more freedoms back. It might not be back to normal immediately. But it will be close, and eventually back to normal.“ Leider ist die deutsche Übersetzung diesmal schlechter als beim ersten Artikel, daher empfehle ich das englische Original.

Coronavirus: The Hammer and the Dance (Medium, 19.03.2020)

Coronavirus: Der Hammer und der Tanz (Medium, 21.03.2020)

In eine ähnliche Richtung geht Professor Alexander Kekulé. Auch er zeigt auf, welche Möglichkeiten wir haben, die strengen Beschränkungen schrittweise zu lockern:

Wege aus dem Lockdown (Zeit online, 26.03.2020)

Was der Virus mit uns macht

Ein Symbol für die Krise ist das fehlende Klopapier. Ich verstehe immer noch nicht, wieso es weiterhin knapp ist. Die meisten Geschäfte geben pro Kunde nur noch ein Paket aus, und die harten Hamsterer dürften langsam auch keinen Platz mehr zuhause haben. Wieso ist das Regal zu den Zeiten, zu denen ich einkaufen gehe, immer noch leer? Das ist übrigens weder ein allein deutsches noch ein ganz neues Problem. Auch 1973 gab es bereits eine Klopapierkrise in den USA – nach einem Scherz im Fernsehen.

Historische Hamsterkäufe: Als die Klopapierkrise die USA ergriff (Spiegel, 22.03.2020)

Viele Freizeitprogrammierer entwickeln Apps, die uns in der Krise helfen können. Und ein amerikanischer Student entwickelt im Alleingang ein Dashboard mit den weltweiten Zahlen von Infizierten, Toten und Genesenen.

Corona-Hackathon #WirVsVirus: Wie 42.000 Freizeithacker das Virus bekämpfen (Spiegel, 22.03.2020)

„Auch wenn ich schlafe, aktualisiert sich die Seite“ (Süddeutsche Zeitung, 17.03.2020)

Coronavirus Dashboard (Internetseite)

Ernst ist aber auch die Frage, wie es mit unseren Grundrechten in der Krise aussieht. In Ungarn kann man gerade sehen, wie Ministerpräsident Viktor Orbán die Krise auszunutzen versucht. Kann das auch in Deutschland geschehen? Katharina Wiegmann schreibt: „Ich will an die Stabilität der demokratischen Institutionen glauben, an politische Entscheidungen mit Augenmaß, an eine wache Zivilgesellschaft. Doch es macht mir Angst, wie schnell Grundrechte beschränkt und sogar ausgesetzt werden können.“

Tötet das Virus die freie Gesellschaft? (Perspective Daily, 25.03.2020)

Vielleicht geht es aber auch gerade anders aus. Vielleicht ist das auch das Ende der Autokraten. Möglicherweise merken viele Wähler von Trump und Johnson langsam, dass es für Regierungsverantwortung nicht ausreicht, ein Großmaul zu sein. Ein paar spekulative Prognosen gibt es hier:

Zehn unsichere, aber eventuell wertvolle Prognosen über die Folgen der Corona-Epidemie (Krautreporter, 17.03.2020)

Oder doch alles halb so wild?

Leider fällt das Internet wieder unangenehm auf. Wer sich einreden möchte, dass alles gar nicht so schlimm ist, findet dort alles, was er braucht. In diesem Artikel wird mit ein paar angeblich häufig vorgebrachten Behauptungen aufgeräumt:

Covid-19: Die drei dümmsten Sätze zur Coronakrise (Spiegel, 22.03.2020)

Personen wie Dr. Wolfgang Wodarg und Professor Sucharit Bhakdi spielen im Netz die Gefahren herunter. Eigentlich merkt man schon beim Zuhören, dass sie Unsinn reden. Die Parallelen zur Klimakrise sind frappierend: Die Wissenschaftler behaupteten das alles nur aus Geltungssucht oder aus finanziellen Interessen, die Politik sei ohnehin hilflos oder verfolge eine langfristige Agenda zur Einschränkung unserer Freiheiten. Zumindest Bhakdi war in seiner aktiven Zeit ein wohl angesehener Wissenschaftler. Sein Versuch, im hohen Alter von der harten wissenschaftlichen Forschung in das angenehme Leben eines Influencers zu wechseln, ist aber wohl gescheitert. Die maximal 30 zusätzlichen Toten am Tag, die uns in Deutschland angeblich schlimmstenfalls bevorstehen, haben wir bereits seit ein paar Tagen.

Wodarg, Bhakdi und Co.: Die Besserwisser in Zeiten der Coronakrise (Riffreporter, 24.03.2020)

Ich verlinke auch die Originalvideos, verbunden mit einer Warnung: Bei empfindlichen Gemütern können sich beim Ansehen Nebenwirkungen wie erhöhter Blutdruck oder auch Erbrechen einstellen.

"Stoppt die Corona-Panik" - Ex-Gesundheitsamtsleiter Dr. Wolfgang Wodarg (Interview, Dokumentation) (Video auf YouTube)

Corona-Krise: Prof. Sucharit Bhakdi erklärt warum die Maßnahmen sinnlos und selbstzerstörerisch sind (Video auf YouTube)

Am schlimmsten sind aber die vielen Kommentare unter den Videos. Was sich dort an Verschwörungstheoretikern tummelt, spottet jeder Beschreibung. Nichts ist größer als die menschliche Dummheit – leider schreiben diese Personen das auch über uns. Vielleicht sollten wir „social distancing“ ausweiten zu „social media distancing“. Oder wie Schlecky Silberstein in seinem vor zwei Jahren erschienenen und sehr empfehlenswerten Buch schreibt: Das Internet muss weg!

Schlecky Silberstein will das Internet abschaffen (jetzt, 11.03.2020)

Zum Abschluss ein paar Bilder

Zur abschließenden Beruhigung noch ein paar Bilder, wie wir sie nie zuvor gesehen haben. Überlaufene touristische Attraktionen – menschenleer.

The world in a pandemic (Video auf YouTube)