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Corona 4: Wut, Angst und Trauer

Wut und Angst waren in den letzten Monaten dominierende Gefühle. Wovor habe ich Angst? Nur wenig vor einer eigenen Ansteckung, denn ich verhalte mich vorsichtig und bin optimistisch, im Falle einer Infektion glimpflich davonzukommen. Etwas mehr Angst habe ich davor, dass der Virus zu früh auf die leichte Schulter genommen wird und uns eine zweite Welle droht. Aber unsere Politiker agieren im Großen und Ganzen vernünftig, und anders als ich zunächst befürchtet habe, gingen Infektions- und Todeszahlen trotz der schnellen Lockerungen weiter zurück. Etwas mehr Angst habe ich vor den schwer abschätzbaren Folgen der Pandemie und des Lockdown. Schließlich wissen wir noch gar nicht, was alles auf uns zukommt. Richtige Angst habe ich allerdings vor manchen Mitmenschen – und dabei kommt auch Wut ins Spiel. Doch zunächst möchte ich mich einem ganz anderen Gefühl widmen – der Trauer.

Fünf Phasen der Krise

Es ist bestimmt drei Jahrzehnte her, dass mir das Buch „Interviews mit Sterbenden“ von Elisabeth Kübler-Ross in die Hände gefallen ist. Das Buch ist fast so alt wie ich, und dass ich mich heute noch so gut daran erinnere, zeigt, wie sehr es mich beeindruckt hat. Kübler-Ross beschreibt auf Basis ihrer Gespräche mit todkranken Patienten fünf Phasen des Sterbens: Leugnen, Wut, Verhandeln, Depression und Annahme. An diesem Werk entzündete sich auch Kritik [Wikipedia-Artikel zu Elisabeth Kübler-Ross], die mir damals allerdings nicht bekannt war.

Johann Cullberg und Verena Kast haben sich später allgemein mit den Phasen einer Krise beschäftigt und vier Phasen identifiziert. Sie werden unterschiedlich zusammengefasst, z. B. Schock, Reaktion, Bearbeitung und Neuorientierung [Quarks 27.03.2020], und weisen große Übereinstimmungen mit den fünf Phasen von Kübler-Ross auf, wobei die Phase des Verhandelns entfällt. Joe B. Hurst und John W. Shepard haben in ihrem Roller Coaster Ride sogar sieben Phasen identifiziert [Karrierebibel 10.05.2020].

Alle betonen, dass die Phasen nicht immer linear ablaufen. Manchmal überspringt man eine Phase, manchmal fällt man in eine frühere Phase zurück.

Inwieweit kann uns nun dieses Krisenmodell bei der Coronakrise helfen?

Das Krisenmodell hat etwas Beruhigendes. Wenn wir uns darüber im Klaren sind, dass wir alle in einer Krise stecken, aber nicht alle in derselben Phase sind, können wir vielleicht etwas mehr Verständnis für unsere Mitmenschen mitbringen.

Betrachten wir die Phasen nach Kübler-Ross und beginnen mit der ersten, dem Leugnen: Erklärt sie nicht, dass so viele von den Videos von Wodarg und Bhakdi angesprochen werden? Sind diese beiden nicht selbst immer noch in dieser Phase?

Oder die zweite Phase, die Wut: Erklärt sie nicht, warum die Stimmung in den letzten Wochen aggressiver wurde? War Trump nicht genau in dieser Phase mit seiner Wut gegen die WHO, die Chinesen oder Gouverneure, die die Krise besser im Griff haben als er?

Die dritte Phase, das Verhandeln: Diese Phase läuft heimlich ab, aber ist es vielleicht denkbar, dass Johnson auf der Intensivstation gedacht hat: „Wenn ich das Krankenhaus lebend verlasse, verspreche ich, Großbritannien in fünf Jahren wieder in die EU zu führen“?

Die vierte Phase, die Depression: Ist das vielleicht die Phase, in der die meisten von uns sich jetzt befinden? Oder ist schon jemand in der fünften Phase, bei der Annahme?

In meinen Überlegungen zum Phasenmodell stieß ich dann auf David Kessler, der behauptet, dass das, was wir gerade fühlen, Trauer ist. Er sagt: „Wir verarbeiten gerade alle den gemeinsamen Verlust der Welt, wie wir sie kannten.“ [Krautreporter 14.05.2020, Harvard Business Review 23.03.2020]

Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Ich selbst muss in der Krise nicht auf allzuviel verzichten: Mir macht es ohnehin nicht viel aus, zuhause zu bleiben. Ich kann im Homeoffice genauso gut arbeiten wie im Büro. Auf Reisen zu gehen, ist für mich kein ausgeprägtes Bedürfnis. Und doch merke ich, dass ich der früheren Welt nachtrauere. Eine Welt, in der man mal eben die vergessene Milch im Laden kaufen konnte, ohne dass das daran scheitert, dass man die Maske vergessen hat. Eine Welt, in der man nicht immer daran denken muss, Abstand zu halten. Eine Welt, in der man nicht bei allem, was man tut, das Risiko abschätzen muss.

Ja, ich trauere.

Um wieviel mehr trauern Menschen, die ihr Zuhause sonst nur zum Schlafen nutzen? Deren Arbeit mit vielen sozialen Kontakten verbunden waren, die über Wochen unmöglich waren und immer noch eingeschränkt sind. Deren Leidenschaft darin liegt, Fernreisen zu machen?

Müssen wir denn noch Angst vor dem Virus haben?

Bei allen Lockerungen, die wir gerade durchmachen: Abstand und Maske bleiben uns noch ein wenig erhalten.

Einerseits ist das Risiko, sich anzustecken, deutlich zurückgegangen, weil es einfach immer weniger Infizierte gibt. Andererseits lernt man immer mehr über den Virus, und das ist nicht nur beruhigend.

Wir haben uns stark auf die schweren Verläufe und insbesondere die Todesfälle konzentriert, und zwischenzeitlich gab es erhitzte Debatten über die Übersterblichkeit, die in Deutschland zum Glück keine nennenswerte Rolle spielte [LeiterbAV 05.06.2020].

Aber es lohnt sich, einen Blick auf die angeblich milden Verläufe zu werfen: Da sind zum Beispiel eine junge Sportlerin, die zwei Monate nach der Erkrankung noch an Atemnot leidet [Tagesspiegel 26.05.2020], und viele andere, die über Monate nicht gesund wurden [Krautreporter 10.06.2020]. Wie vielseitig der Virus wirkt, ist schon länger bekannt – auch junge Menschen tun gut daran, das Thema nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Die Politik betrachtet die Frage dagegen gesamtgesellschaftlich, und das ist auch gut so. Der Politik ist es egal, ob Du oder ich krank werden. Es dürfen nur nicht zu viele krank werden und sterben. Insofern ist es auch falsch, was oftmals behauptet wird, dass der Schutz der Gesundheit höchste Priorität hat. Niemand würde wegen Tausender Verkehrstote jährlich das Autofahren verbieten. Es ist immer ein Abwägen vieler verschiedener Aspekte.

Also muss ich mich selbst darum kümmern, welche Risiken ich einzugehen bereit bin. Dabei habe ich den Eindruck, dass der Faktor Zeit vielen noch gar nicht bewusst ist. Es ist ein großer Unterschied, ob ich im Geschäft kurz an jemandem vorbeigehe (sehr unwahrscheinlich, dass ich mich dabei anstecke) oder ob ich mich mehrere Stunden mit jemandem in einem Raum aufhalte (dann können auch mehrere Meter Abstand möglicherweise nicht mehr ausreichen). [Erin Bromage 06.05.2020, Medium 13.05.2020]

Das Hauptproblem liegt für mich darin, dass ich das Verhalten der anderen nicht einschätzen kann. Manche nehmen das Thema zu sehr auf die leichte Schulter. Bezeichnend ist die Werbung für ein Starkbierfest in Mitterteich zu Beginn der Pandemie: „Wir haben den ultimativen Schutz gegen Corona! Süffikus. Die Massen-Schluckimpfung am Samstag ab 18 Uhr am Starkbierfest in Mitterteich“ [Bild des Plakats bei Medium 13.05.2020]. Mitterteich gehört zum Landkreis Tirschenreuth, das sich nach diesem Starkbierfest an die Spitze des deutschen Infektionsgeschehens katapultierte.

Vielleicht neige ich auch dazu, die Risiken zu überschätzen, weil mir das Thema Covid-19 an jeder Ecke begegnet – möglicherweise ein typisches Beispiel von Verfügbarkeitsheuristik?

Müssen wir Angst um unsere Demokratie haben?

Keine Frage, es wurden Grundrechte eingeschränkt. Und natürlich hängen daran Fragen, die diskutiert werden müssen. Dazu gibt es auch sehr gute Beiträge, z. B. von Udo di Fabio [FAZ 06.04.2020] und (eher gesellschaftlich als rechtlich) Armin Nassehi [Zeit 04.05.2020].

Ich habe aber weniger Angst darum, dass die Regierung unsere Demokratie einschränkt. Problematischer ist, was sich vor einigen Wochen auf den Straßen und im Netz abgespielt hat. Da kamen alle Verschwörungstheoretiker aus ihren Löchern und haben die krudesten Thesen geäußert. Das hat mir wirklich Angst gemacht, zumal solche Thesen plötzlich auch im Familienkreis auftauchten.

Hier kommt dann aber auch bei mir wieder die Wut ins Spiel.

Das gilt auch, wenn weiter auf unsere Politiker geschimpft wird. Wir sind bisher sehr gut durch die Pandemie gekommen. In anderen Ländern sind Regierungen nicht so umsichtig. In Indien beispielsweise wurde ein Lockdown ohne Rücksicht auf Verluste durchgesetzt [Stuttgarter Zeitung 01.05.2020, Perspective Daily 08.05.2020].

Klar, es gibt auch Beispiele wie Taiwan oder Südkorea, wo man mit deutlich weniger einschränkenden Maßnahmen auskam [Perspective Daily 29.04.2020, Krautreporter 30.04.2020]. Aber angesichts unserer individualistischen (egoistischen?) Gesellschaft hätten wir dazu in Deutschland nicht etwa eine andere Regierung, sondern ein anderes Volk gebraucht!

Schweden wird oft als ebenfalls als positives Beispiel angeführt. Doch wenn man genauer hinsieht, scheint Schweden auf dem Holzweg zu sein. [Medium 09.06.2020]

Es wird besser

Nach dem Lockdown kommen die Lockerungen. Die Stimmung beruhigt sich. Angst, Wut und Trauer werden weniger. Das Infektionsgeschehen scheint allen Unkenrufen zum Trotz unter Kontrolle zu bleiben bei derzeit gut 300 Neuinfektionen pro Tag, Tendenz leicht fallend (Sieben-Tages-Durchschnitt auf Basis der Zahlen des Robert-Koch-Instituts, Stand 13.06.2020).

Warten wir ab, was nach der Krise kommt.

Dass man am Anfang einer Krise nicht wahrhaben möchte, was gerade geschieht, ist vielleicht normal. Dass man den Schluss zieht, der Virus sei in Wirklichkeit völlig harmlos und die Bundesregierung nutze die Gelegenheit, unsere Demokratie abzuschaffen, ist dagegen abstrus.

Ein Schlüssel dazu liegt in den sozialen Medien. Wenn Menschen glauben, Facebook, Twitter oder Youtube seien verlässlichere Informationsquellen als die FAZ oder die Zeit, wenn sie sich durch jede Kurznachricht unterbrechen lassen, aber keine Zeit und Lust mehr haben, einen längeren Artikel zu lesen, werden wir zunehmend Probleme mit Verschwörungstheorien und Falschmeldungen haben. Eines unserer Hauptprobleme sind die sozialen Netzwerke, die unsere gesamte Gesellschaft kontaminiert haben. Ebenso unsichtbar wie der Virus, aber vielleicht nicht weniger gefährlich.


PS: Auch wenn alle Hobby-Epidemiologen souverän „das Virus“ schreiben, bleibe ich dem nicht fachsprachlichen Maskulinum treu. Wenngleich ich zugebe: Man spürt hier eine sprachliche Veränderung. Irgendwann werde ich mich beugen müssen.

PPS: Eigentlich wollte ich den Artikel schon viel früher schreiben, habe es aber nicht geschafft. Deshalb sind einige Quellen schon älter als einen Monat – und doch noch aktuell.